2009年9月28日月曜日

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Wenn Gott zürnt, steht der Baum Kopf
Überall dort, wo der Affenbrotbaum wächst, erzählen sich die Einheimischen die wunderlichsten Geschichten über seinen Ursprung
PETER JAEGGI
September 2009
Unsere Baobab-Expedition beginnt seltsamerweise in einem Schnapsladen. Weshalb, bleibt vorerst ein Rätsel. Auf jeden Fall beharrt unser Begleiter Nandrasana Farezy darauf, zusätzlich zum Trinkwasser eine Flasche Rum einzupacken. Dabei gelüstet es uns bei 40 Grad im Schatten nicht im Geringsten nach Alkohol.
„Er bemächtigt sich des ganzen Planeten. Er durchdringt ihn mit seinen Wurzeln. Und wenn der Planet zu klein ist und die Affenbrotbäume zu zahlreich werden, sprengen sie ihn.“ – Als so gefährlich beschreibt der Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry im „Kleinen Prinz“ jenen Baum, der mehr als 1.000 Jahre alt werden kann. Mit einem Durchmesser von bis zu zehn und mehr Metern ist er der dickste Vertreter des Pflanzenreiches.

Die Menschen vom Stamm der 
Sakalava sehen hier im Baobab alles andere als ein zerstörungswütiges Ungeheuer. Im Gegenteil; sie nennen den größten Vertreter der Art, der bis zu 
30 Metern in den Himmel ragt, liebevoll „Reniala“, was so viel wie Mutter des Waldes bedeutet.

Plötzlich hält Monsieur Farezy an, verlangt bestimmt nach unserer Rumflasche, weist uns dann an, ihm zu folgen. Nach rund 20 Minuten Fußmarsch durch den trockenen, niedrigen Busch stehen wir Menschenzwerglein vor einem rund 25 Meter hohen, urtümlichen Baobab, eingerahmt von zwei Tamarindenbäumen. „Er ist heilig“, raunt uns Nandrasana Farezy zu, um gleich darauf im Unterholz zu verschwinden. Nach kurzer Zeit winkt er uns heran, bittet uns, ruhig zu sein. Er müsse die Geister um eine Zutrittsbewilligung für den fremden Besuch bitten. Er kniet nieder, hebt ein großes, leeres Schne-c-kenhaus vom Boden auf, füllt es mit Rum, schließt die Augen und trinkt das Gehäuse, andächtig in beiden Händen haltend, aus. – Ja, die Geister seien uns wohl gesonnen, beruhigt uns anschließend Monsieur Farezy.

Ein Baum als „Kirche“: Zwei Zeremonien seien es, die die Sakalava zu dieser „Mutter des Waldes“ brächten. Einmal die Bitten um Erlösung von einer Not wie Krankheit oder Dürre. Zum andern ein mehrtägiges Ritual mit dem Namen „Bilo“. Monsieur Farezy erzählt dazu die Geschichte vom unbekannten Toten, der von der Seele eines Lebenden Besitz ergreift. Dieser böse Geist werde dann mit Opfergaben wie Zebus, Honig und Rum und mit rituellen Tänzen am Fuße des Baobabs ausgetrieben. Bis die Familie des Besessenen das Geld für die opferreiche Zeremonie beisammen habe, vergingen oft zwei Jahre.

Überall, wo der Affenbrotbaum wächst – in Afrika, Madagaskar und Australien –, erzählen sich die Einheimischen die wunderlichsten Geschichten über seinen Ursprung. Eine der am weitesten verbreiteten Legenden klingt in Afrika und in Madagaskar ähnlich: Zuerst pflanzte Gott den Baobab mitten in den Regenwald; bald aber begann er der großen Feuchtigkeit wegen zu jammern. Gott zeigte Erbarmen und setzte ihn auf einen Berg. Doch der Baobab fuhr fort mit dem Maulen, weil es ihm nun zu hoch war. Da wurde der Schöpfer zornig, riss den Baum wütend aus und warf ihn in eines der trockensten Gebiete, das er finden konnte. Dort landete er auf seinem Kopf. Deshalb ist der Affenbrotbaum der einzige Baum, der „verkehrt herum“ wächst.

Und tatsächlich: Manche dieser mächtigen Gestalten sehen mit ihrem regenschirmartigen Kronendach aus, als ob sie mit den Wurzeln in der Luft dastünden. Überhaupt sind Baobabs einmalige „Charakterdarsteller“ im Schauspiel des Pflanzenreiches. Auf dem Weg bis Bekonazy begegnen wir solchen, die an eine Karotte erinnern, anderen, die wie eine Kaffeekanne, ein verhutzeltes Waldmännchen oder wie eine riesige Flasche aussehen.

In Bekonazy führt uns Monsieur Farezy zu einem Bauern, der zeigt, dass der „Reniala“ auch eine wertvolle Nutzpflanze ist. Dit Remangnowa Ratsimbazy (22) hat es nämlich auf die Honigbienen abgesehen, die in den vielen Löchern des Baumes Unterschlupf finden. In einer halsbrecherischen Aktion rammt er im Abstand von etwa 40 Zentimetern kurze Pflöcke in den kirchturmhohen Stamm, die ihm als Treppe dienen. So kommt er nicht nur zum begehrten Honig, sondern auch zu den boxhandschuhgroßen Früchten in der Form einer ovalen, harten, braunen Nuss.

Es gibt kaum einen Teil des Baobab, der Mensch und Tier nicht von Nutzen wäre. Die Fruchtkerne mit einem pistazienähnlichen Geschmack sind sehr fettreich. Dem Bauern Ratsimbazy dienen sie einerseits als willkommene Abwechslung im Menüplan, andererseits lässt er daraus ein wertvolles Speiseöl herstellen. Aber auch Suppen und Butter liefert die Baobabfrucht. In afrikanischen Ländern geben junge Baobabblätter ein spinatähnliches Gemüse; die Wurzeln werden gekocht und vor allem in Hungerzeiten verspeist. Den Männern gibt der Wurzeltee Mut und Kraft, die Volksmedizin kennt ihn als Mittel gegen Malaria und Entzündungen. Wurzeln und Rinde liefern Fasern für Fischernetze, Schnüre, Matten und Kleidungsstücke.

Der Baobab als Nutzpflanze. Dazu erzählt uns Nandrasana Ferezy diese erstaunliche Geschichte: Während langen Trockenperioden schlugen seine Vorfahren einen spitzen Pflock in den Stamm. Nach etwa einem Monat wurde er entfernt, und aus dem Loch floss reins-tes Trinkwasser, genug, damit ein 150-Seelen-Dorf samt seinen Rindern während 20 Tagen überleben konnte. Der extrem hohe Feuchtigkeitsgehalt ist auch der Grund, weshalb Elefanten in einigen Gegenden Afrikas in wasserknappen Zeiten mit ihren Stosszähnen den Stamm durchlöchern und das Feuchtigkeit speichernde Holz fressen. Aus Mali wird berichtet, dass dort hohle Affenbrotbäume bereits im frühen 14. Jahrhundert mit bis zu 7.000 Litern Trinkwasser gefüllt worden seien.

Manche Baobabs sind innen hohl. Die riesigen Räume bieten nicht nur eine Behausung für Fledermäuse, Schlangen und Echsen; sie stehen oft auch dem Menschen als Unterschlupf zur Verfügung. In Nigeria, Südtansania und Australien etwa diente ein Baobab als Gefängnis, anderswo als Stall.

Antoine de Saint-Exupéry hat sich im „Kleinen Prinz“ offenbar geirrt, als er schrieb: „... die Gefährlichkeit der Affenbrotbäume ist so wenig bekannt, und die Gefahren, die jedem drohen ... sind so beträchtlich, dass ich sage: Kinder, Achtung! Die Affenbrotbäume!“ Vielleicht müsste man ihnen heute zurufen: „Affenbrotbäume: Vorsicht, Menschen!“

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